SG zelebriert den Bundesliga-Aufstieg

MWO 3112

Ludwigsburger Kreiszeitung

Handball-Party in Bietigheim: SG zelebriert den Bundesliga-Aufstieg

Seit Samstag um Punkt 18.41 Uhr hat im Landkreis Ludwigsburg eine neue Ära begonnen: Die Handballer der SG BBM Bietigheim steigen in die Erste Bundesliga auf. Die altehrwürdige Viadukthalle hat ausgedient. Künftig wird sich die SG BBM in der MHP-Arena mit Handballgrößen wie THW Kiel, TBV Lemgo oder den Rhein-Neckar Löwen messen.

Das hat es in der traditionsreichen Geschichte des Bundesliga-Handballs noch nicht gegeben: Zwei Vereine steigen im direkten Aufeinandertreffen zeitgleich in die Erste Bundesliga auf, weil sie am vorletzten Spieltag Schützenhilfe von einem dritten Club, in diesem Fall dem EHV Aue, erhalten.


Als SG-Torwart Jan Kulhanek mit dem Halbzeitpfiff um 18.41 Uhr im Spiel gegen den HC Erlangen zum Video-Live-Ticker eilte und sich wenige Sekunden später mit Pascal Welz und Marco Rentschler in den Armen lag, war es Gewissheit: Der EHV Aue hat den direkten Konkurrenten im Aufstiegskampf, DHfK Leipzig, mit 25:24 niedergehalten.

Das Ergebnis gegen HC Erlangen, für den es ebenfalls um den Aufstieg ging, spielte für die SG fortan keine Rolle mehr. Dagegen war Erlangen mit Blick auf Verfolger Bittenfeld noch nicht durch. Die Mannschaft um Trainer Frank Bergemann und Urgestein Sebastian Preiß wollte und musste unbedingt punkten, um den letzten Saisongegner der SG BBM auf Distanz zu halten. Am Ende machte der HCE sein Versprechen wahr, gewann 29:23, und feierte mit seinen völlig losgelösten Fans und gemeinsam mit der SG BBM den triumphalen Einzug in die stärkste Liga der Welt.

Was sich in der zweiten Spielhälfte in der restlos ausverkauften Viadukthalle abspielte, war Handball verrückt. Beide Mannschaften zeigten trotz der Vorentscheidung ein Spiel auf hohem Niveau. Davor hatten sich die Gastgeber schwer getan gegen die körperlich robusten Erlanger, die in Torjäger Ole Rahmel und Torwart Jan Stochl ihre herausragenden Akteure hatten. Bietigheim haderte mit der Verwertung seiner Chancen, kassierte Zweiminutenstrafen, und so waren die Gäste zur Pause mit vier Treffern (9:13) enteilt.

Das Publikum gibt den Takt vor

Neben Marco Rentschler, der eine ganz starke Partie auf der Rechtaußenposition ablieferte, setzte SG-Trainer Hartmut Mayerhoffer in der Schlussphase seine Jungspunde Tassilo Heling und Nils Boschen sowie Zugang Jonathan Scholz, dem sein erster Treffer für die SG gelang, ein. Erlangen spielte sich – angefeuert von seinen rund 250 mitgereisten und völlig entfesselten Fans – in einen wahren Rausch. Doch als Mayerhoffer zwei Minuten vor dem Ende beim Stand von 22:28 seine letzte Auszeit nahm, brachen alle Dämme. Bietigheimer und Erlanger Spieler bildeten eine Traube, hüpften und sprangen gemeinsam durch die Halle, der Sekt floss in Strömen. „Oh, wie ist das schön, oh wie ist das schön!“, gab das Publikum den Takt vor.

SG BBM Bietigheim: Kulhanek, Welz, Haller (4), P. Rentschler (3), Timo Salzer (2), Dahlhaus (3), Blodig (2), Heling, Barthe (2), Thorsten Salzer (1), Scholz (1), M. Rentschler (4), Boschen (1), Lohrbach.

Das Wunder vom Ellental

Dass die Bietigheimer Handballer als fünftes Team aus Baden-Württemberg nach Göppingen, Balingen-Weilstetten, den Rhein-Neckar-Löwen und dem TV Neuhausen zu den bundesweit besten18 Mannschaften gehören, kommt nicht überraschend. Bereits in den vergangenen Spielzeiten hatten die Experten die SG als Aufstiegskandidat auf ihrem Zettel. Dass der Sprung in die stärkste Liga der Welt ausgerechnet in dieser Spielzeit gelang, wird aber als „Wunder vom Ellental“ in die Annalen eingehen.

Denn mit Christian Schäfer, Hannes Lindt und Kapitän Christian Heuberger fielen frühzeitig drei Leistungsträger aus. Der Schock saß tief, doch dann entwickelte sich unter dem Viadukt eine verschworene Gemeinschaft, in der sich einer für den anderen zerriss. Spieler wie Marco und Patrick Rentschler oder Paco Barthe ersetzten die Langzeitverletzten. Angeführt von den Häuptlingen Timo Salzer und Robin Haller startete das Team eine unglaubliche Erfolgsserie, die in der Beletage des deutschen Handballs endete.

Fragt man nach dem Geheimnis des Bietigheimer Höhenflugs, wird man schnell in der Chefetage fündig. Vorstand Claus Stöckle, Teammanager Jens Rith und Geschäftsführer Tim Schön sind allesamt ausgewiesene Handballexperten, die früher selbst erfolgreich dem runden Leder nachjagten. Und sie bewiesen ein Goldhändchen, als mit dem 44-jährigen Hartrmut Mayerhoffer einen Trainer verpflichteten, der die mit nur zwei Spielern verstärkte Mannschaft in seiner ersten Zweitligastation gleich in den Handball-Olymp führte.

Einziger Wermutstropfen im Bietigheimer Freudenbecher ist die fehlende Spielstätte. In der Viadukthalle können keine Erstligaspiele stattfinden. Die von Oberbürgermeister Jochen Kessing vollmundig angekündigte neue Ballsporthalle lässt auf sich warten. Der Gewinner um das Gezänke heißt Ludwigsburg. Die MHP-Arena darf sich auf Spiele mit europäischen Spitzenmannschaften freuen. Das sich gerne als Sportstadt bezeichnende Bietigheim-Bissingen bleibt vorerst außen vor. Im Sport nennt man das ein Eigentor.

„Das ist Wahnsinn“

Hartmut Mayerhoffer: (Trainer SG BBM): Es ist unglaublich, was diese Mannschaft geleistet hat. Wir hatten neun Monate permanent Druck. Dafür wurden wir heute belohnt. Als wir in Altenholz spielten, habe ich mir mit Manager Jens Rith die Kieler Sparkassen-Arena angesehen. Wir machten Witze, dass wir hier nächstes Jahr spielen wollen. Jetzt ist es Realität. Das ist der Wahnsinn.

Claus Stöckle (SG-Chef): Ihr seid die Aufstiegshelden und werdet es immer bleiben.

Timo Schön (Geschäftsführer): Ein großes Dankeschön nach Aue. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.

Robin Haller: Jetzt bin ich da, wo ich schon immer hinwollte. Ich kann es noch nicht glauben.

Timo Salzer: Wir hatten bis zuletzt keinen Einbruch. Heute haben wir uns nur noch über die Ziellinie geschleppt. (rei)

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