"Es passiert nur etwas in den Köpfen"

leipzig.jpgBietigheimer Zeitung

"Es passiert nur etwas in den Köpfen"
Der Sportpsychologe Jan Mayer über den Auswärtskomplex, Selbstvertrauen und den Einsatz von Mentaltrainern
Die Bundesliga-Klubs in der Region leiden an einer chronischen Auswärtsschwäche. Im Interview erklärt der Sportpsychologe Jan Mayer, was in den Köpfen von Spielern vorgeht und liefert mögliche Ansatzpunkte für betroffene Trainer.

Von ihren zusammen 13 Auswärtsspielen haben die Handballer der SG BBM und die Ludwigsburger Basketballer zwölf verloren. Deutet dies auf einen Auswärtskomplex hin?

JAN MAYER: Es ist die Frage, was ein Auswärtskomplex ist. Ich finde den Begriff nur in den Medien. Anscheinend entscheiden nur sie, wann dieser Komplex eintritt. Den Begriff Komplex kennt man aus der Psychoanalyse von Siegmund Freud. Die Medien meinen mit Auswärtskomplex wahrscheinlich, dass es Hemmungen, Schwierigkeiten oder Ängste gibt, auswärts das zu zeigen, was man eigentlich drauf hat. Nach einigen Niederlagen sind die Journalisten meist die Ersten, die Trainer und Spieler mit einem Komplex oder einer psychisch veranlagten, dauerhaften Schwäche in Kontakt bringen und ihnen sagen: Das hat ja System bei euch. Als Folge fangen Trainer und Spieler womöglich tatsächlich an, darüber nachzudenken, und dann wird es immer schwieriger. Das ist das gleiche, wie wenn ein Stürmer nicht mehr trifft und er in der Zeitung ständig vorgerechnet bekommt, seit wie vielen Minuten er schon ohne Tor ist.

SG-Trainer Jochen Zürn spricht von einer Abwärtsspirale: Mit jeder Auswärtspleite sinke das Selbstvertrauen, steige die Verunsicherung. Trifft er den Kern des Problems?

MAYER: Ja. Dabei ändert sich die Aufgabe an sich auswärts gar nicht. Beim Handball bleiben sieben Meter sieben Meter, die Tore werden nicht kleiner, die Spieler spielen mit einem gleich großen Ball, egal wo sie antreten. Es passiert nur etwas in den Köpfen. Wir Psychologen nennen das, was wichtig ist, um erfolgreich zu sein, die Überzeugung in die eigene Wirksamkeit - dass ich also weiß, was ich kann, und dass ich mir sicher bin, dies auch umzusetzen. Diese Überzeugung sinkt, wenn ich immer wieder bestätigt bekomme, dass es außerhalb der Heimhalle nicht funktioniert.

Gibt es Zeitpunkte im Spiel, die ein Team trotz aller guten Vorsätze völlig aus der Bahn werfen können?

MAYER: In diesem Zusammenhang spricht man von Auslösesituationen. Das sind oft Kleinigkeiten, etwa ein blödes Abspiel. Obwohl man eigentlich zuversichtlich ins Spiel gegangen ist, entsteht in den Köpfen plötzlich der Gedanke "Oh Gott, es geht schon wieder los", letztlich eine Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung. Die Spieler beschäftigen sich dann eventuell mit den zuvor verlorenen Spielen. Die Aufmerksamkeit auf das Relevante - den nächsten Pass, den nächsten Laufweg - sinkt. Man spielt dann tatsächlich schlechter und nicht mehr das, was verabredet ist.

Haben Sie einen Tipp für die betroffenen Trainer, wie sie ihren Spielern nach vielen Auswärtspleiten wieder Selbstvertrauen einimpfen können?

MAYER: Prinzipiell ist die Frage immer individuell zu klären. Wichtig ist, zu ergründen, woher die Schwächen kommen und worin das Problem liegt, das dafür sorgt, dass die Spieler für sich und im Kollektiv nicht mehr an sich glauben und diese Wirksamkeit nicht mehr empfinden. Dann muss man Lösungen und Strategien erarbeiten.

Wie könnten die aussehen?

MAYER: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man Spielern das Gefühl der Wirksamkeit wieder vermitteln kann, so dass die Sportler sagen: "Ja, so kann das funktionieren." Ein Ansatzpunkt ist die eigene Erfahrung. Man hat ja vielleicht schon mal zu Hause gegen den Gegner gespielt. Ein Trainer sollte seine Mannschaft auch auf die Schlüsselsituationen vorbereiten, die ihr im Spiel die Zuversicht nehmen könnten. Genau in der Situation, vor der sich alle fürchten und in der die Köpfe runtergehen, braucht man einen klaren Handlungsplan. Da reicht es nicht, als Trainer einfach etwas hineinzurufen.

Das heißt konkret?

MAYER: Das Vorgehen muss ganz klar sein, sprich: In der Situation hat Spieler X die Aufgabe, Spieler Y die Aufgabe und Spieler Z die Aufgabe. Wir reden in diesem Zusammenhang auch von Ankern, an denen sich die Sportler hochziehen können. Das Ganze kann man trainieren und mental durchspielen, hat aber natürlich auch viel mit der Ansprache des Trainers zu tun. Wenn die Spieler dagegen keine Idee haben, was sie in der besagten Situation tun sollen, können sie sich noch so viel vornehmen und Charakter zeigen wollen. Das endet meist in Überschlagshandlungen - zum Beispiel, dass die Mannschaft zu aggressiv in die Zweikämpfe geht. Ein Handlungsplan ist natürlich noch keine Garantie, dass das Spiel am Ende auch gewonnen wird. Generell gilt: In einer Drucksituation muss man sich verstärkt um Kleinigkeiten kümmern. Das wird häufig vernachlässigt.

Würden Sie den Einsatz eines Sport-psychologen oder eines Mentaltrainers empfehlen?

MAYER: Ich halte nichts von Feuerwehr-Methoden. Da kommt dann einer, den die Mannschaft überhaupt nicht kennt, und versucht in Individualgesprächen oder mit einer ansprechenden rhetorischen Leistung vor dem Team irgendetwas zu bewirken. Das ist nicht unbedingt seriös. Prinzipiell ist die Arbeit eines Sportpsychologen mit einer Mannschaft an Vertrauen gebunden. Gewisse Dinge muss man erst erarbeiten. In der Sportpsychologie in Deutschland besteht der Konsens, dass nur eine längerfristige Konzeption Sinn macht. Ich kann mir eher vorstellen, dass der Trainer bei einem Sportpsychologen Rat einholt, was er denn anders machen könnte.

Die Bietigheim Steelers sind das schwächste Auswärtsteam der Zweiten Eishockey-Bundesliga. Dennoch hat der Klub jetzt bei den Topteams in Schwenningen und Heilbronn gewonnen. Wie ist das zu erklären?

MAYER: Irgendwann schlägt die Serie mal um - oft gerade dann, wenn man zu einer überlegenen Mannschaft muss. Vor so einem Spiel hat man nach vielen Niederlagen keine großen Erwartungen und nichts zu verlieren. Beim Gegner dagegen ist die Erwartungshaltung groß, denn gegen ein so schwaches Auswärtsteam musst du eigentlich punkten, denn das erwartet auch jeder von dir. Damit wird die Aufgabe für den Favoriten viel schwieriger und für den Außenseiter viel einfacher.

Je unbefangener also, desto besser?

MAYER: Dieses Phänomen kennt man auch von den Rookies, also denjenigen, die als junge Sportler zum ersten Mal im Spitzensport auftauchen. Von ihnen erwartet auch keiner etwas, und plötzlich sind sie ganz oben und selbst erstaunt, wie einfach das gegangen ist. Sie haben nicht groß darüber nachgedacht, sondern so funktioniert wie sonst auch. Schwierig wird es dann, wenn sie die Leistung bestätigen müssen. Dann sehen sie sich plötzlich mit Erwartungen konfrontiert, und es entstehen störende Gedanken im Kopf.

Warum gibt es aus psychologischer Sicht überhaupt extrem auswärtsstarke und extrem auswärtsschwache Vereine?

MAYER: Es ist immer ein Erleben und in den Köpfen, wie eine Mannschaft ein Auswärtsspiel interpretiert. Die höchste mentale Fertigkeit oder Kunst ist die, dass ein Spieler prinzipiell sagt: Eigentlich ist es mir Wurst, wo ich aus sieben Metern aufs Tor werfe - zu Hause, auswärts, bei Olympischen Spielen oder im Endspiel der Weltmeisterschaft. Also raus aus der Situation, rein in die Aktion. Wir nennen das Unabhängigkeit von der Situation. Manche Spieler ziehen allerdings zusätzliche Motivation daraus, wenn die gegnerischen Fans sie beleidigen oder beschimpfen, andere lassen sich dadurch verunsichern. Es ist aber nachgewiesen, dass es keinen Heimvorteil gibt. Für manche Spieler gibt es nichts Schlimmeres, als wenn die eigenen Fans anfangen, zu pfeifen. Es gibt keinen Mechanismus, dass Auswärtsspiele prinzipiell leichter oder schwieriger sind, sondern es kommt immer auf die Überzeugung der einzelnen Personen und den Glauben an die Wirksamkeit der ganzen Mannschaft an, nach dem Motto: Wir können es überall, egal wo.

Sie beraten selbst die Hoffenheimer Profifußballer und die Kader-Athleten des Olympia-Stützpunkts Rhein-Neckar. Mit welchen Anliegen haben Sie es hauptsächlich zu tun?

MAYER: Das Thema "Stabil zum Wettkampfhöhepunkt", also Leistung, wenn es darauf ankommt, gehört seit Jahren dazu. Dann geht es viel um Talententwicklung, sprich wie bringe ich die Talente nach oben und halte sie bei der Stange. Bei Mannschaften sind Teamentwicklung und -building wichtige Themen, genauso der Umgang mit Krisen und Trainerberatung. In letzter Zeit ist der Umgang mit Stress und mentale Gesundheit stärker in den Fokus gerückt, nachdem das Thema auch allgemein an Relevanz gewonnen hat. Es geht also nicht nur darum, zu pushen und zu optimieren, sondern auch darum, die Sportler in schwierigen Situationen zu unterstützen.

Drucken E-Mail